Akademisches Lehrkrankenhaus
der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg

RNZ vom 27.3.2020: "Wir brauchen Hilfe!" Heidelberger St. Josefskrankenhaus appelliert an die Landesregierung

Von Sebastian Riemer (RNZ)

Binnen zehn Tagen hat das St. Josefskrankenhaus in der Weststadt seinen Betrieb komplett umgestellt. Stationen wurden leer geräumt und zu Isolierstationen umgebaut, nicht notwendige OPs abgesagt, Personal umgeschichtet und viele Abläufe vollständig verändert – alles für ein Ziel: Vorbereitet zu sein für den erwarteten Anstieg schwer verlaufender Covid-19-Erkrankungen, ohne dass die Versorgung anderer Notfälle darunter leidet. Nun wäre die Klinik eigentlich gut aufgestellt. Aber sie fühlt sich von der Landesregierung alleine gelassen.

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Gibt es ausreichend Schutzausrüstung für das Personal?
Nein. "Anfang oder Mitte nächster Woche fehlen uns einzelne Produkte", sagt St. Josefs-Geschäftsführer Manfred Albrecht. Besonders Schutzmasken seien knapp. Die zentrale Materialbeschaffung durch den Bund funktioniere nicht, bei den Kliniken komme nichts an. Im St. Josef sind sie wütend auf die Landesregierung, die für die Koordination zuständig ist. "Die steuern das nicht, die kommunizieren nicht mit uns! Wir rufen im Sozialministerium an, wir schreiben E-Mails, aber die Mitarbeiter wissen nichts", sagt der Ärztliche Direktor Erhard Siegel. "Wir brauchen Hilfe! Und Ministerpräsident Kretschmann und Sozialminister Lucha sind unerreichbar für uns." Rheinland-Pfalz, wo es viel weniger Coronafälle gibt, habe eine zentrale E-Mail-Adresse für Bestellungen von Material eingerichtet. "Das brauchen wir auch", so Siegel. Stattdessen rufen sie beim St. Josef nun selbst Betriebe an, um irgendwie Schutzanzüge, Atemschutzmasken und Co. zu besorgen. Viele Kliniken in der Region haben das gleiche Problem (siehe Seite Metropolregion).

Gibt es weitere Probleme?
Ja, der öffentliche Nahverkehr sei eine Katastrophe. "Wir tun hier alles Menschenmögliche, um unsere Mitarbeiter vor Ansteckung zu schützen – und dann müssen sie morgens in überfüllten Bahnen herfahren", sagt Anne-Kathrin Schmalz, stellvertretende Geschäftsführerin am St. Josef. "Wir bitten dringend darum, die Taktung schnellstmöglich wieder zu erhöhen." Seit Montag fährt die Rhein-Neckar-Verkehr GmbH (RNV) nach einem reduzierten Sonderfahrplan. Manfred Albrecht schüttelt den Kopf: "Das ist unlogisch und muss sofort geändert werden." In der Weststadt gibt es kaum Parkplätze: Man habe daher in den letzten Jahren ganz bewusst einen Großteil der 550 Mitarbeiter mit Jobtickets ausgestattet und auf Bus und Bahn umgesattelt. Die RNV hat versprochen, den Fahrplan noch einmal nachzubessern (siehe Seite Metropolregion).

Wie viele Betten stehen für Corona-Patienten in den Kliniken in Heidelberg und dem Rhein-Neckar-Kreis bereit?
Das ist noch unklar. Das Landratsamt versucht, diese Zahl zu erheben. Unsicher ist auch, wie viele Betten überhaupt gebraucht werden. Stand Donnerstag sind in Heidelberg und dem Kreis 535 Menschen positiv getestet worden. "Die Fallzahlen im Kreis steigen momentan täglich um 13 bis 15 Prozent", sagt Siegel. "Rechnet man das und die zu erwartende Abflachung durch das eingeschränkte öffentliche Leben ein, könnten wir Anfang, Mitte Mai den Höhepunkt erreichen – mit nach meiner Einschätzung etwa 650 Covid-19-Patienten in den Kliniken in Stadt und Kreis." Alle hiesigen Krankenhäuser sowie das Gesundheitsamt arbeiten laut Siegel eng zusammen. "Wir stimmen uns täglich ab."

Im St. Josefskrankenhaus wurde eine Station komplett zur Isolierstation für 20 Covid-19-Patienten umgebaut. Eine weitere Station für ebenso viele Patienten wird vorbereitet. Insgesamt könnte man von den räumlichen Kapazitäten her maximal 60 Corona-Patienten aufnehmen. Aber Albrecht sagt: "Es ist fraglich, ob wir dafür genügend Personal haben" – insbesondere, wenn sich Pflegerinnen oder Ärzte selbst anstecken würden.

Und wie ist es bei den Intensivbetten?
Siegel schätzt, dass rund 130 der 650 erwarteten stationären Patienten eine intensivmedizinische Versorgung brauchen. Am St. Josef selbst gibt es normalerweise acht Intensivbetten mit vier Beatmungsmöglichkeiten – die meistens voll belegt sind. Die Klinik kann nun – etwa indem sie den Aufwachraum zur Intensivstation umbaut – insgesamt maximal 19 Intensivplätze mit elf Beatmungsmöglichkeiten schaffen. "Davon brauchen wir aber einen Teil auch immer für andere Intensivpatienten", sagt Markus Lüthgens, Chefarzt für Intensiv- und Notfallmedizin. Das sei die große Herausforderung: sich für den Corona-Ansturm zu wappnen und zugleich andere schwer kranke Patienten, von denen es nicht weniger als sonst gibt, weiter gut zu versorgen.

Wie geht es den Ärztinnen, Pflegern und anderen Mitarbeitern?
"Alle hier haben bei der Neuorganisation der Abläufe und Stationen Unvorstellbares geleistet", sagt der Ärztliche Direktor Erhard Siegel. Auch Geschäftsführer Albrecht betont: "Ich kann nur allen danken für ihr außergewöhnliches Engagement!" Alle fühlten sich gut vorbereitet, seien aber angespannt. Intensivmediziner Lüthgens sagt: "Keiner weiß genau, wann es losgeht. Wie in vielen Kliniken fühlt es sich gerade an wie die Ruhe vor dem Sturm."

Wird das Personal auf schwierige ethische Entscheidungen vorbereitet?
Im besonders von der Corona-Pandemie betroffenen Italien mussten Ärzte bereits entscheiden, welche Patienten beatmet werden und welche nicht, weil es nicht genügend Geräte oder andere Ressourcen gab. "Solche Entscheidungen sind eine unglaubliche Belastung", sagt Siegel. "Das darf man einem Menschen nicht aufbürden." Deshalb würden aktuell bundesweit und in der Region Ethikkommissionen festlegen, wie in solchen Ausnahmefällen zu verfahren sei. Siegel sagt: "Hoffentlich kommen wir nie in diese Situation, aber es ist wichtig, dass es dann Entscheidungskriterien gibt."